CHINA: STIMMEN DES WELTALLS

Unsere Chorreise nach Shanghai (Pudong) 2002 – von Rosemarie Pritzkat

 

Schon am Flughafen wie Stars in Ehren empfangen zu werden, vor vollen Häusern zu singen, in Funk und Fernsehen mitgeschnitten, interviewt, selbst beim privaten Shopping von Journalisten fotografiert zu werden: So hatten wir uns unsere Reise nach China und die Teilnahme am Shanghai-Chorwettbewerb nicht vorgestellt.
Drei Dolmetscher lasen uns auf der neuntägigen Reise vom 7. 7. bis 15. 7. 2002 jeden Wunsch von den Augen ab. Unser chinesischer Sponsor schickte Blumen, unsere CDs waren schon beim ersten Auftritt ausverkauft – und kreischende Mädels warteten vor der Tür. Der Universitätsdirektor Hangzhous und der Bürgermeister Shanghai-Pudongs empfingen uns, und das Stadtoberhaupt überreichte uns einen gläsernen Schlüssel für Shanghai in roter Seide.

„Unser chinesischer Sponsor schickte Blumen, unsere CDs waren schon beim ersten Auftritt ausverkauft – und kreischende Mädels warteten vor der Tür.“

„Wir überzeugten mit der Akrobatik des a cappella-Gesangs und mit unseren hellen Stimmen.“

Ein Übersetzungsfehler in der Presseankündigung unseres Chinabesuches erheiterte uns, bezeichnete man doch darin die deutschen „Knabenstimmen mit himmlischem Klang“ im Chinesischen als „Stimmen des Weltalls“ und in englischer Übersetzung als „sounds of nature“. Während wir auf unseren Konzerten Mozart, Schubert, Einfeldt sowie Lieder und Gospels boten, telefonierte das Publikum und erzog, unbekümmert von unserer Darbietung, seine Kinder. Eine überraschende
Erfahrung.

Täglich fuhr eine Armada von 22 Bussen jeden Chor zum Wettbewerb. Auf einer wunderbaren Hafenrundfahrt bei Nacht gab unser 10-jähriger Vinzens dann das erste Interview seines Lebens. Umringt von Journalisten stand er dem Rundfunk eine halbe Stunde lang Rede und Antwort. An Deck wünschte man sich Fotos und Autogramme, Fernsehleute interviewten einen unserer Männerstimmen, und auch die Jungen hatten zu tun: „Dies war gerade mein 105. Fototermin“, informierte mich stolz ein Knabe.

Der Wettbewerb „for little ambassador“ selbst war Programm unseres vorletzten Tages. Die Medien kamen schon in die Vormittagsproben. Am Nachmittag und Abend hatte sich jeder Chor in einer ausgelosten Reihenfolge – wir waren vorletzter – zwanzig Minuten lang zu präsentieren. Kaum erschien der erste Knabe von uns auf der Bühne, gerieten unsere Fans aus dem Häuschen. So angefeuert, ließ das Zittern in den Knien nach und der Knabenchor ersang sich einen Sonderpreis
als bester ausländischer Chor vor Japan, Korea, USA und Australien. Konkurrenz hatten wir etliche: Viele Chöre präsentierten sich mit großen Bühnenshows, bunten Kostümen, Fächertänzen und heimischen Gesängen samt Klavierbegleitung. Wir überzeugten mit der Akrobatik des a cappella-Gesangs und mit unseren hellen Knabenstimmen.

Ausgewählte Chöre, darunter der Hamburger Knabenchor, traten zum Abschluss der Veranstaltung bei 35 Grad im Schatten in einer vom chinesischen Fernsehen live übertragenen Show auf. Unser 11-jähriger Kevin nahm den Chorpreis entgegen. Wir tauschten noch Adressen in fernste Länder, vertieften Freundschaften, versprachen ein Wiedersehen zur Hamburger Chinawoche im September und knüpften erste Verbindungen nach Peking, Japan und Australien. Man kann ja nie wissen.

By | 2017-02-22T00:16:28+00:00 15. Juli 2002|Categories: Archiv, Berichte, Reisen|Tags: , , , , |0 Comments