Singen für die Gemeinschaft

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Singen für die Gemeinschaft

DIE WELT: 15.06.10

Singen für die Gemeinschaft

Der Knabenchor St. Nikolai besteht seit 50 Jahren: Neben einer guten Stimme sind Disziplin, Fleiß und Ausdauer gefragt

Von Sylvia Boesser,dpa

Niclas Beyer lehnt entspannt an einem Spielplatzgerüst im Park gegenüber der St. Nikolai-Kirche in Hamburg. Gutaussehend, selbstbewusst, freundlich – der 17-Jährige ist ein Typ, der bei Mädchen gut ankommt.

„Heute finden die toll, dass ich im Knabenchor singe, auch als Solist“, erzählt er. Heute. Denn früher wurde er von seinen Mitschülern als uncool beschimpft, weil er singt. Er hat trotzdem durchgehalten.

„Durchhalten“ – das ist ein Wort, das oft fällt, wenn man sich im Knabenchor St. Nikolai umhört, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Denn eine schöne Stimme allein genügt nicht, um Mendelssohn-Bartholdys „Elias“, das „Weihnachtsoratorium“ von Bach oder eine „Gospel-Blues-Night“ mitzusingen. Neben der Freude am Singen brauchen die Jungen eine Menge Stehvermögen.

In der mehr als zweistündigen Probe geht es ohne gelegentliches Ermahnen der Chorleiterin Rosemarie Pritzkat nicht. Einem fallen die Noten runter, einer zappelt auf der Stuhlkante, einer gähnt. „Ganz saubere Töne, bitte“, fordert Pritzkat, „sitz anders“ und „den Text müsst ihr gleichzeitig singen, dann versteht man das auch“. Aber die Kirchenmusikdirektorin ist nicht nur streng, sondern auch verständnisvoll. Das wird deutlich, wenn sie mit den Jungen über eine Stelle in den „Elias-Chören“ spricht: „Das Volk muss die Dürre erleiden. Die können einfach nicht mehr – wie Ihr nach einem anstrengenden Schultag.“ Und trotzdem schaffen die Jungen es, noch einmal zu singen wie die Engel und zu einem Klangkörper zusammenzuwachsen.

Die Kinder müssen einiges leisten, aber sie werden auch belohnt. Durch große Konzerte, den Applaus, Auszeichnungen und Konzertreisen ins Ausland, wo die Jungen zuweilen auch Autogramme verteilen. Vor allem aber durch die guten Gefühle, die beim Singen entstehen. „Wenn man auf der Bühne steht, das macht einfach nur glücklich. Die Musik kann einen richtig mitnehmen“, sagt Chorjunge Tom Kessler.

Dass die Jungen lernen, Gefühle zu zeigen, gehört für Rosemarie Pritzkat – die einzige Frau unter den Knabenchorleitern bundesweit – zu den vorrangigen Zielen ihrer Arbeit. „Wir pflegen hier eine hochmoderne Jungenpädagogik“, betont sie. Unter ihrer Leitung entstand seit 1991 eine Knabenchorschule, in der mehr als 130 Jungen singen und die von den Vorchören ab vier Jahren bis zum Konzertchor ausgebildet werden. Der 10-jährige Chorjunge Tommy Roßbach erzählt, Singen nehme ihm manchmal die Angst. „Singen ist Balsam und Kraftfutter für Kindergehirne“, bestätigt der Neurowissenschaftler Gerald Hüther. Besonders das Singen in Gemeinschaft werde mit einem glücklichen und befreienden Gefühlszustand verkoppelt. Trotzdem muss der Knabenchor St. Nikolai, wie viele andere Chöre, um Nachwuchs und Förderer kämpfen. Denn Volkslieder und geistliche Musik in Hemd und Kutte – das mag in Zeiten von Casting-Shows im Fernsehen nicht mehr zeitgemäß wirken. Aber Rosemarie Pritzkat hält dagegen: „Es ist ja etwas ganz anderes, in der Gruppe zu singen, als Solist für „Deutschland sucht den Superstar“ zu sein. Ich finde es lebensnotwendig für unsere Gesellschaft, dass wir lernen, uns gemeinsam für etwas einzusetzen und uns manchmal auch zurückzunehmen. Deshalb ist Chor nötiger denn je.“

Quelle: http://www.welt.de/welt_print/vermischtes/hamburg/article8051899/Singen-fuer-die-Gemeinschaft.html

By | 2017-02-22T00:16:27+00:00 15. Juni 2010|Categories: Presse|Tags: , , , , |0 Comments