SÜDAFRIKA: ATTENTION! ATTENTION! A TRAIN IS APPROACHING

Unsere Chorreise nach Südafrika 2003 – von Christian Halseband

 

Schon der Hinflug zeigte, dass wir auf Konzertreise waren: Nachdem der Flugkapitän uns als Chor begrüßt hatte, wurden einige Jungs von einem Passagier um ein Ständchen gebeten. So ließ es sich gut an – und so sollte es weitergehen.

Abenteuer durch und durch. Zuerst in der „Trainlodge“ in Kapstadt, einem Hotel, das aus einem stillgelegten Bahnhof, Bahnsteig und mehreren ehemaligen Schlafwagen samt Swimmingpool – oder besser: vergrößerter Badewanne – bestand. Lustig, die Unterbringung von vier Knaben samt Gepäck auf 6 qm. „Eng ist gemütlich.“ Das war auch das Motto der Proben in den zu Aufenthaltsräumen umgebauten winzigen Warteräumen auf dem Bahnsteig. Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Eine andere Art Abenteuer auch in den Gastfamilien, die uns herzlich aufnahmen, mit südafrikanischer Küche verwöhnten und uns hineinschnuppern ließen in das Leben der weißen Mittelschicht. Unbekannte Sprachklänge Südafrikas: Afrikaans bei den Weißen, Xosa mit seinen ungewöhnlichen Klicklauten bei den Schwarzen. Das Kloster „Maryland“, unsere letzte Unterkunft, glich von außen einem Gefängnis, umgeben von hohen Mauern und Natodraht. Die allabendliche Knabenchor-Roiboos-Tee-Zeremonie gehörte dazu wie der allmorgendliche Weckruf des Muezzins der benachbarten Moschee um 4.30 Uhr; letzteres im Tausch gegen die nächtlichen „Attention! Attention!“- Durchsagen auf dem eigentlich stillgelegten Bahnhof
der „Trainlodge“.

Wunderbare Konzerte mit dem Tygerberg Choir, dem ERUB Choir und dem Chor des Konservatoriums Stellenbosch, im Endler-Saal, in der deutschen Schule und im „Hugo Lambrechts Music Center Auditorium“, einem wunderschönen, in hellem Holz ausgestatteten Konzertsaal.

Ein beeindruckendes Land der Kontraste: Der schroffe Tafelberg, das stürmische Kap der Guten Hoffnung mit seiner Flora und Fauna, die durch die vielen Paviane und das „Dassie“, eine Art vergrößertes Meerschweinchen oder Hase mit winzigen Ohren und ohne Schwanz, die Jungs begeisterte.

Auch ein Kontrast war der extreme Gegensatz von Arm und Reich. Unvorstellbare Armut erfuhren wir bei unserem Konzert im Township Philippi, aber auch Begeisterung für Musik, Lebensmut und Lebensfreude in der bei unserem Auftritt überfüllten Kirche des Gemeindezentrums „Themba Labantu“: Händels „Halleluja“, „Auf der Lüneburger Heide“, afrikanische Tänze und Gospels. Eindrücke, die lange wach bleiben.

Nicht vergessen haben die Erwachsenen die Weinprobe auf dem Weingut „Goede Hoop“. Ein filmreifer Sonnenuntergang und mit dem Glas Wein in der Hand auf dem Gipfel des Weinberges stehend – die ungewöhnlichste Weinprobe meines Lebens. Auch das ist Südafrika.

Südafrika, dessen Geschichte wir hautnah erleben konnten – bei der Stadtführung, auf der unser Stadtführer eindringlich von Mandelas erster Rede als neu gewählter Präsident berichtete, als wir vor dem Rathaus Kapstadts standen; oder auf der Hafenrundfahrt, bei der wir in der Nähe die Gefängnisinsel „Robben Island“ sehen konnten: Mandelas Kerker für viele Jahre seines Lebens, bevor Freiheit und Demokratie das Regime der Apartheid endlich wegfegten.

„Vier Knaben samt Gepäck auf sechs Quadratmetern: eng ist gemütlich in der ‚Trainlodge‘ in Kapstadt.“

 

 

„Allabendlich die Knabenchor-Rooisbus-Tee-Zeremonie, allmorgendlich der Weckruf des Muezzins um 4 Uhr 30 …“

By | 2017-02-22T00:16:28+00:00 15. Oktober 2003|Categories: Archiv, Berichte, Reisen|Tags: , , , , |0 Comments