Stellungnahmen zur Lesung vom 4.12.2021

Stellungnahme des Vorstands

Der Hamburger Knabenchor möchte im Nachfolgenden eine Erklärung zu der Lesung des Schauspielers Krystian Martinek im Rahmen des Adventsliederkonzertes am 4. Dezember 2021 in der Hauptkirche St. Nikolai abgeben. Er hatte sich kurzfristig bereit erklärt, Ulla Hahn als Leser zu vertreten.

Beim Adventsliederkonzert wurde unter anderem die Geschichte „Warum der schwarze König Melchior so glücklich wurde“ von Karl Heinrich Waggerl vorgelesen. Hierbei handelt es sich noch heute um einen Text der klassischen Weihnachtsliteratur, der regelmäßig auf Veranstaltungen vorgelesen wird.

Wir bedauern zutiefst, dass dieser Text vorgetragen wurde, denn sowohl die sprachliche Ausgestaltung als auch der Inhalt der Geschichte ist rassistisch geprägt. Der Hamburger Knabenchor distanziert sich klar von diesem Text. Betroffen macht uns auch unser Unvermögen, keinen unmittelbaren Ausdruck für unsere Bestürzung gefunden zu haben. Diese stillschweigende – scheinbare! – Billigung beschämt uns zutiefst.

Wir bitten alle, die sich durch diese Lesung verletzt gefühlt haben um Entschuldigung und werden sorgsam darauf achten, dass sich ein derartiger Vorfall nicht wiederholt.

Pluralismus und Toleranz sind Werte, denen sich der Chor verpflichtet fühlt und es ist unser Bestreben, diese nach Innen und Außen unablässig zu vermitteln und einzufordern. Wir bekennen uns unmissverständlich zu einer aufgeklärten und vielfältigen Gesellschaft. Wir sind erschüttert über diesen Vorfall und appellieren auch an andere, diesen Text nicht mehr vorzulesen.

Herr Martinek hat sich für die Auswahl des Textes ausdrücklich entschuldigt.


Der Vorstand

Stellungnahme des künstlerischen Leiters

Gleich zu Beginn meiner Karriere in der klassischen Musikbranche schloss ich mich der antirassistischen Bewegung an. Als schwarzer Künstler in einer europäisch geprägten und von mir hochgeschätzten Kulturwelt lernte ich in vielen, meist schmerzhaften Erfahrungen, welche Rolle das Anderssein im Miteinander spielt. 

Einigkeit und Brüderlichkeit zu fördern – vermeintliche Ziele des Textes „Warum der schwarze König so froh wurde“ von Karl Heinrich Waggerl – kann keinesfalls gelingen, indem Differenzen betont und äußerliche Merkmale stigmatisiert werden.  

Dass ein solcher Text offenbar noch immer zum Kanon der deutschsprachigen Weihnachtsgeschichten gehört und weiter verlesen wird, zeigt erneut, wie weit der Weg noch ist, den unsere Gesellschaft gehen muss. Dass ich, auf der Bühne stehend, trotz meines eingeübten antirassistischen Engagements, nicht anders konnte, als meinen Schmerz zu verstecken, weist einmal mehr darauf hin, dass wir als Individuen immer auf das Kollektive angewiesen sind. Auch ich wurde Teil einer schweigenden Mehrheit.

Ich möchte hiermit alle auffordern zur Pflege der Empathie, des Gespräches, des Austauschs auf Augenhöhe. Lasst uns doch die Gemeinsamkeiten suchen, und nicht immer die Unterschiede unterstreichen, und gleichzeitig das Schöne der Vielfalt zelebrieren. Seien Sie aufgemuntert, Traditionen zu erneuern und anzupassen. Mit Vernunft und wahrer Liebe zum Nächsten werden wir den Weg finden, in Wort und Tat unseren Mitmenschen respektvoll und wertschätzend zu begegnen.

Luiz de Godoy